Warum erscheint der Tafsir ibn Kathir in einer gekürzten Ausgabe und was wurde gekürzt?

Bereits vor Erscheinen dieses Bandes gingen beim Verleger zahlreiche Fragen ein, warum nicht das komplette Buch übersetzt und nach welchen Kriterien „zusammengefasst“ werde?
Für eine gekürzte Ausgabe gibt es drei Hauptgründe:


1) Der deutschsprachige muslimische Leserkreis ist nicht sehr groß und seit der Publicity zahlreicher „Internetscheichs“ auch nicht mehr sehr lesefreudig, somit ist eine vollständige Ausgabe ein finanzielles Risiko für einen Verlag.
2) Das Buch ist für arabischsprachige Gelehrte geschrieben und enthält daher Erörterungen zu sprachwissenschaftlichen Themen und ausführliche Diskussionen zur Authentizität einzelner Überlieferungen, die die meisten deutschen Leser nicht nachvollziehen können. Da wiederholte Hadithe in der Regel gestrichen wurden, erübrigen sich auch die ausführlichen hadithwissenschaftlichen Erörterungen zu den einzelnen überlieferten Versionen.
3) Das Buch basiert hauptsächlich auf Überlieferungen und enthält daher sehr viele Wiederholungen von fast identischen Versionen eines Hadithes, die jeweils mit vollständiger Überlieferungskette erwähnt werden. Derartige Wiederholungen wurden nicht übersetzt.
In der vorliegenden Ausgabe wurde der Originaltext vollständig belassen, Kürzungen betreffen nur die Überlieferungsketten, Wiederholungen von Hadithen und sehr detaillierte hadith- und sprachwissenschaftliche Erörterungen.
Es stellt sich noch die Frage, warum keine vorhandene gekürzte Version übersetzt wurde. Es gibt zahlreiche Kurzfassungen des Originalwerks. Diese sind jedoch alle neueren Datums, so dass bei einer Übersetzung das Urheberrecht greift. Als eine der besten Zusammenfassungen gilt die Edition von ʾAḥmad Šākir (gest. 1958). Dieser brachte jedoch nur den tafsīr der Verse 1:1 bis 8:8 unter dem Titel ʿumdat at-tafsīr ʿan al-Ḥāfiẓ Ibn Kaṯīr heraus. Die „Gesamtausgabe“ des Verlags Dār al-wafāʾ hingegen basiert lediglich auf dem Manuskript, das Šākir anfertigte, indem er aus einer Druckausgabe Hadithe strich. Diese Streichungen betreffen sogar authentische Überlieferungen; es scheint, dass Šākir diese vorsichtshalber strich und überprüfen wollte. Besagte „Gesamtausgabe“ basiert daher auf einer unsicheren Vorlage, die vom Verleger ʾAnwar al-Bāz mit Angaben zu den Hadithen versehen wurde, die Beurteilung der Hadithe dieser Ausgabe beruht hauptsächlich auf den Aussagen des Scheichs al-ʾAlbānī. Die Belegangaben sind von der Sure 8:8 bis zum Ende des tafsīr uneinheitlich und teilweise ungenau, der Übergang von der Originalausgabe Šākirs hin zum restlichen Werk fällt vor allem in den Fußnoten auf.
Weiterhin sind die Kurzfassungen von Muṣṭafā al-ʿAdawī und Muḥammad ʿAliyy aṣ-Ṣābūnī (gest. 2014) zu nennen. Die Ausgabe von al-ʿAdawī hat wie die von Šākir den Nachteil, dass fast sämtliche Hadithe der Kategorie ḍaʿīf gestrichen wurden, auch wenn diese Überlieferungen wichtig für das Verständnis des tafsīr sind. Die Unterschiede zwischen den Ausgaben von al-ʿAdawī und Šākir sind marginal, sie betreffen meist unterschiedliche Ansichten über die Authentizität der Überlieferungen. Die Ausgabe von aṣ-Ṣābūnī wird hingegen kritisiert, weil sie zu sehr in den Text eingreife und eher eine Interpretation des Werks von Ibn Kaṯīr aus ascharitischer Sicht sei.
Aus diesen Gründen entschloss ich mich nach Absprache mit dem Verleger, Kürzungen am Originaltext vorzunehmen, die Vorgehensweise wird im folgenden Abschnitt erklärt.

Vorgehensweise bei der Kürzung des Originals

Die Textgrundlage ist die bisher genaueste kritische Edition des Originaltexts, die im Verlag ʾAwlād aš-Šayḫ in 15 Bänden erschienen ist. Der Text wurde anhand der ältesten und vollständigsten Handschrift von fünf Gelehrten herausgegeben und mit zahlreichen anderen Handschriften verglichen. Verglichen wird diese Edition mit den im vorigen Abschnitt genannten Ausgaben.
Die Kürzung des übersetzten Buches betrifft in der Hadith-Wissenschaft eindeutig als inakzeptabel beurteilte Überlieferungen, also solche, die als sehr schwach (šadīd aḍ-ḍaʿf) bzw. mawḍūʿ (‚erfunden’) beurteilt werden. Hadithe der Kategorie ḍaʿīf wurden in Übereinstimmung mit der absoluten Mehrheit der Gelehrten nicht entfernt. Mehr hierzu im Abschnitt Anmerkungen zu den Hadithen. Wird ein Hadith mehrmals in fast identischen Versionen wiederholt, wurden die Wiederholungen meistens ausgelassen und nur die Quellen genannt, in einigen Fällen auch die abweichenden Passagen anderer Versionen, wenn diese relevant für den Kontext sind.
Weiterhin betroffen sind Überlieferungswege und Ausführungen zu hadith- und sprachwissenschaftlichen Details. Sprachwissenschaftliches wurde nur dann übersetzt, wenn ein sinnvoller Bezug zur Erläuterung eines Wortes aus dem Qurʾān besteht. Die Übersetzung des tafsīr ist schließlich für diejenigen Leser gedacht, die des Arabischen nicht mächtig sind oder nur gewisse Grundkenntnisse in dieser Sprache besitzen und somit nicht in der Lage sind, das Original zu verstehen. Für diesen Leserkreis sind Details der arabischen Sprachwissenschaft ohnehin irrelevant und unverständlich.
Die Fußnoten im übersetzten Text stammen alle vom Übersetzer. Es handelt sich um Quellenverweise zu den Qurʾān-Versen und Hadithen, thematische Verweise und kurze Kommentare, die zum Verständnis mancher Passagen im Original notwendig sind.

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